Der fliegende Chorschüler
- Die Sage
- Die Marienkirche in Berlin
- Die Gegend um die Marienkirche
- Die Marienkirche heute
- Über Schalllöcher und Krähen
Die Sage
Eines Tages verabredeten mehrere Chorschüler miteinander daß sie auf den Kirchturm (in Berlin soll es der der Marienkirche gewesen sein) steigen und dort aus den Krähennestern, deren sich eine große Anzahl oben befand, die Eier ausnehmen wollten.
Diesen Vorsatz führten sie auch aus und stiegen zum Turm hinauf; als sie dort ankamen, wurde zu einem der Schallöcher hinaus ein Brett gelegt, welches zwei Schüler hielten, der dritte aber kroch auf diesem Brett hinaus, um in den Ritzen und Spalten des Turms Nester zu suchen.
Er fand auch bald eine große Zahl derselben, gab jedoch seinen Gefährten kein einziges der Eier, welche er dort fand, und als sie ihn nun fragten, ob sie ihr Teil nicht erhalten würden, schlug er es ihnen rund ab, weil er sagte, er habe sich allein der Gefahr unterzogen und so wolle er auch allein die Frucht derselben genießen.
Da wurden die andern böse und drohten ihm, daß sie das Brett loslassen würden, wenn er ihnen nicht augenblicklich einen Teil seiner Beute abgäbe; er jedoch, der vor der Ausführung ihrer Drohung sicher zu sein glaubte, sagte, das sollten sie nur tun, dann würden sie gewiß nichts bekommen.
Aber kaum hatte er das gesagt, so ließen jene das Brett los und der arme Chorschüler stürzte von der höchsten Höhe des Turms herab.
Nun hatte er aber seinen weiten Mantel um, der bis unten hinan zugeknöpft war, so daß sich sogleich der Wind darunter fing, den Fall hemmte und ihn wohlbehalten und unversehrt mitten auf den Markt hinabtrug, wo er zur größten Verwunderung der Käufer und Verkäufer ankam. Ob er jetzt seinen Gefährten ihrer Anteil am Gewinn gegeben, weiß ich nicht, sie mögen aber auch wohl nicht mehr danach verlangt haben.
Die Marienkirche in Berlin
Die Marienkirche, eigentlich St. Marien, ist eine evangelische Kirche fast unterhalb des Fernsehturms in Berlin-Mitte. Dieser stand natürlich noch nicht, als der Kirchenbau im 13. Jahrhundert auf dem Neuen Markt errichtet wurde.
Es handelt sich um eine Hallenkirche, die auf Grundmauern aus Feldstein im Stil der Backsteingotik erbaut wurde. Dieser Baustil ist vor allem in Norddeutschland und im Norden Europas verbreitet. Bekannte Gebäude sind unter anderem die Nikolaikirche und das Rathaus in Stralsund sowie die Marienkirche und das Holstentor in Lübeck.
Das Rote Rathaus ist übrigens trotz der roten Farbe kein Gebäude der Backsteingotik. Es wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus schlesischem Granit erbaut, welcher mit roten Klinkern verblendet wurden.
Aber zurück zur Berliner Marienkirche. Architekturhistoriker gehen derzeit davon aus, dass der Bau im Jahr 1270 begonnen, aber erst im 14. bis 15. Jahrhundert vollendet wurde. Bis heute kamen noch zahlreiche Umbauten dazu, wie der Turmhelm von Carl Gotthard Langhans 1789/90. Damit wurde der Turm 90 Meter hoch. Außerdem musste die Kirche nach Beschädigungen im Zweiten Weltkrieg umfassend restauriert werden.
Die Gegend um die Marienkirche
Ein Foto von Max Missmann aus dem Jahr 1904 stellt die Marienkirche auf dem Neuen Markt inmitten der engen Bebauung des damaligen Marienviertels dar. Aus rechtlichen Gründen kann ich das Foto hier nur verlinken.
Der Neue Markt war einer der ältesten Berliner Marktplätze. Er entstand mit der Errichtung der Marienkirche. Heute wird man auf der Suche nach dem Neuen Markt in Berlin-Mitte nicht mehr fündig. Gegen Ende der 1960er Jahre wurde das Gelände im Rahmen einer Umgestaltung etwas höher gelegt und nunmehr als Freifläche und Park genutzt.
Pläne, den Platz um die Marienkirche wieder an das historische Vorbild anzunähern, wurden bisher nur teilweise umgesetzt (Stand Januar 2022). Unter anderem sollte das Lutherdenkmal - auf dem alten Foto vorn rechts erkennbar - wieder auf seinen ursprünglichen Platz zurückgebracht werden. Seit 2017 steht Luther allein auf einem Sockel westlich der Marienkirche. Das ursprüngliche Denkmal, begonnen von Paul Otto und nach seinem Tod durch Robert Toberentz vollendet, zeigte Luther mit weiteren Reformatoren, und zwar Melanchthon, Bugenhagen, Spalatin, Reuchlin, Jonas, Cruziger, Hutten und Sickingen.
Die Marienkirche heute
St. Marien wird heute noch als Sakralbau genutzt. Neben Gottesdiensten finden hier aber auch andere Veranstaltungen und Konzerte statt. Außerhalb dieser kann die Kirche täglich zwischen 10 bis 18 Uhr besichtigt werden. Es werden zudem Führungen angeboten. Zwischen Epiphanias (6. Januar) und Palmsonntag (Sonntag vor Ostern) enden die öffentlichen Besichtigungszeiten bereits um 16 Uhr.
Der Besuch der Marienkirche ist nicht zuletzt wegen der umfangreichen Kunstsammlung lohnenswert. Kunstwerke aus mehreren Jahrhunderten sind hier zu sehen. Besonderes Augenmerk sollten Besucher auf das Wandgemälde "Totentanz" in der Turmhalle richten.
Tipp: Einen schönen Blick auf die Marienkirche nebst Fernsehturm und Rotem Rathaus hat man von der Aussichtsplattform des des Park Inn by Radisson Berlin Alexanderplatz aus. Sie ist von April bis September von 12 bis 22 Uhr und von Oktober bis März von 12 bis 18 Uhr geöffnet. Der Zugang ist gegen Eintritt (circa 6 Euro) öffentlich möglich.
Über Schalllöcher und Krähen
In der Sage klettern die Chorschüler durch die sogenannten Schallöcher, in neuer Schreibweise Schalllöcher. Das sind Fenster im Glockenturm, die wie zum Beispiel die Aussparung in einer Gitarre der Erhöhung der Lautstärke dienen.
Krähen halten sich gern in der Nähe menschlicher Behausungen auf, denn hier ist das Angebot an Futter groß. Da sie erhöhte Nistplätze bevorzugen, sind Nester in Kirchtürmen nicht selten, zumal ihnen die Schalllöcher den Zugang erleichtern.
Kräheneier sind ungefähr vier Zentimeter groß und von grünlicher Farbe mit dunkleren Sprenkeln. Ob die Eier essbar sind, habe ich bisher nicht herausfinden können. Im Internet findet man allerdings Rezepte für Krähensuppe und im Ofen gebratene Krähen mit Kräutern. Den Chorschülern in der Sage ging es jedoch um die Eier und vermutlich wollten sie diese nur aus lauter Schabernack rauben.
Quellen
* Alt-Berlin. Historische Fotografien von Max Missmann, Gustav Kiepenheuer Verlag, Berlin und Weimar 1987Schick mir bei Fragen eine E-Mail oder erhalte aktuelle Informationen auf Mastodon oder über den RSS Feed!



