Der Rabe mit dem Ringe

Eine Sage aus Brandenburg

Manche Sagen werden in verschiedenen Orten erzählt und wo ihr Ursprung lag, lässt sich nachträglich kaum herausfinden. Ein diebischer Rabe sorgte nicht nur in Brandenburg für Unruhe, sondern auch in Prenzlau, Merseburg, Dresden und Goslar.

Die Sage

Aus: Märkische Sagen und Märchen nebst einem Anhange von Gebräuchen und Aberglauben, Adalbert Kuhn, Reimer, Berlin 1843
*Die ursprüngliche Schreibweise und Rechtschreibung wurden beibehalten.
Auf der Spitze des Rathenower Thors zu Brandenburg sieht man einen Raben, in dessen Schnabel ein Ring mit daran befindlicher Kette sichtbar ist. Den hat einer der ehemaligen Bischöfe dort anbringen lassen zum ewigen Andenken daran, daß er einen seiner Diener ungerechter Weise hinrichten ließ.

Dem Bischof war nämlich einst ein Ring fortgekommen, und da, so viel er auch hin und her sann, wer ihn genommen haben könnte, doch sein Verdacht sich immer wieder auf jenen Diener wendete, der allein in seinem Zimmer gewesen war, so befahl er, daß er wegen des Diebstahls mit dem Tode bestraft werde, und dieser Befehl wurde auch sogleich vollzogen.

Darauf vergehen einige Jahre und es wird an dem Dache eines der Kirchthürme etwas gebessert, da findet man viele Rabennester, und wunderbarer Weise in einem derselben den Ring, um dessentwillen der arme Diener hingerichtet war.

Der Rathenower Torturm und seine Spitze

Brandenburg-Rathenower Turm-Turmspitze

Der Rathenower Torturm ist einer von vier Tortürmen, die heute von der mittelalterlichen Stadtbefestigung noch übrig sind. Er steht, wie kann es anders sein, an der Straße nach Rathenow. Friedrich Grasow schreibt um 1927 in "Brandenburg die tausendjährige Stadt", dass der Turm gegen Ende des 14. Jahrhunderts errichtet und rund 200 Jahre später umgebaut wurde. Er erwähnt auch den Raben mit dem Ring im Schnabel auf der Turmspitze.

Auf einer Tafel der Touristinformation am Torturm steht allerdings eine andere Information. Demzufolge wurde der ehemals hölzerne Abschluss des Turms vor 1582 durch einen kegelförmigen Helm mit krönender Adlerfigur ersetzt. Wer heute unter dem Turm steht, erblickt jedoch weder einen Raben mit Ring im Schnabel noch einen Adler, sondern eher ein Gestell, an dem eine der beiden Vogelfiguren vielleicht einmal befestigt war. Auch auf einem meiner Fotos vom Juli 2015 sieht das bereits so aus.

Rathenower Torturm im Juli 2015 und im Januar 2022

Die Rabensage in Merseburg

Die Sage vom räuberischen Raben wird in Varianten auch an anderen Orten erzählt.

Die durch Ludwig Bechstein im Thüringer Sagenbuch übermittelte Sage "Der Merseburger Rabe" erzählt, dass der Bischof Thilo von Trotha am Dom von Merseburg einen lebendigen Raben zum Vergnügen und zur Unterhaltung hielt. Dieser Vogel stahl eines Tages einen kostbaren Goldring des Bischofs und versteckte ihn in seinem Nest auf dem Schlossturm. In Verdacht geriet ein Kammerknecht. Als dieser für den Diebstahl zum Tode verurteilt wurde, bat der Gott um ein Wunder.

Wappen der von Trotha

Das Wappen der von Trotha

Daraufhin kam ein Wind auf und wehte das Rabennest mit dem Ring und vielen anderen glänzenden Schätzen vom Turmdach. Von Reue über sein vorschnelles Urteil gepackt, änderte der Bischof sein Wappen, das zukünftig durch einen Raben mit einem Ring im Schnabel geziert wurde. Außerdem legte er fest, dass fortan ein lebender Rabe auf dem Merseburger Domhof gehalten werden muss. In Abwandlungen der Merseburger Rabensage heißt es, von Trotha ordnete den Bau eines Vogelkäfigs auf dem Schlosshof an, in dem immer ein Rabe für den Diebstahl büßen muss.

Der Bischof Thilo von Trotha hat tatsächlich gelebt. Er wurde im August 1443 geboren und entstammte der Familie von Trotha, einem altem sächsischen Adelsgeschlecht. Schon lange bevor Thilo im Jahr 1466 zum Bischof von Merseburg gewählt wurde, führten die von Trothas in ihrem Wappen einen Raben, der einen Ring im Schnabel trug.

Die Rabensage in Prenzlau

Mündlich überliefert und von Adalbert Kuhn in den "Märkischen Sagen und Märchen" niedergeschrieben, wurde die Sage "Der Rabe auf dem Mittelthurm zu Prenzlau", die zur Zeit des slawischen Herrschers Primislav spielt. Als diesem ein Siegelring abhanden kam, verdächtigte er einen Knappen. Trotz seiner Unschuldsbeteuerungen wurde dieser zum Tod verurteilt. Primislav ließ ihn vom Prenzlauer Mittelturm stürzen. Einige Zeit später offenbarte sich der wahre Täter, als der Fürst mit Begleitern an einer Stelle Rast machte, an der gerade eine Eiche gefällt wurde. In dessen Spitze saß ein Krähennest, in dem sich der fürstliche Siegelring befand. Zur Erinnerung und zur Buße ließ Primislav aus dem Holz der Eiche eine Holzskulptur in Form einer Krähe mit Ring im Schnabel fertigen, die auf der Spitze des Mittelturms befestigt wurde.

Prenzlauer Mitteltorturm

Der Mitteltorturm in Prenzlau

Die Gegend um Prenzlau war seit dem 7. Jahrhundert durch slawische Stämme besiedelt. Der Name der heutigen uckermärkischen Kreisstadt ist slawischen Ursprungs. Über die Bedeutung gibt es unterschiedliche Aussagen. Im Prenzlauer Stadtlexikon heißt es, dass der Name vom slawischen Personennamen Perjeslav abgeleitet wird, dessen Bedeutung "Erbe des Ruhmes" ist. Der Sprachwissenschaftler Reinhard E. Fischer geht hingegen davon aus, dass der Ortsname aus "Siedlung eines Mannes namens Premyslaw" entstand. Möglich ist es jedoch auch, dass der letzte Wendenkönig Namensgeber für den Ort Prenzlau war. Pribislaw, Fürst der slawischen Heveller, herrschte um 1128 herum auf der Brandenburg. Ältere Stadtchronisten Prenzlaus vermuteten, dass er auch Prenzlau als Burgort erbauen ließ. Die Namen Pribislaw und Primislaw klingen sehr ähnlich, daher ist anzunehmen, dass sich die Sage auf Pribislaw bezieht.

Das Mitteltor war eines von fünf Stadttoren, die den Bürgern der Alt- und Neustadt Schutz bieten sollten sowie repräsentativen Zwecken und als Zoll- und Kontrollpunkte dienten. Es lag im Südwesten und führte von der Alt- in die Neustadt, wodurch sich der Name Mitteltor erklärt. Die weiteren Tore waren das Kuhtor (Anklamer- oder Königstor) im Nordwesten, das Blindower Tor (Neustädtisches Tor) im Nordosten, das Steintor (Schwedter Tor) im Südosten und das Neustädtische Tor am Ausgang der Neustadt.

Turmspitze vom Prenzlauer Mitteltorturm

Turmspitze des Mitteltorturms

Der Mitteltorturm wurde in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts nördlich vom Mitteltor erbaut. Seine Spitze wird durch einen Adler mit einem Ring im Schnabel geziert. Dieser wird entsprechend der Sage auch als Rabe gedeutet, schreiben die Autoren des Prenzlauer Stadtlexikons. Auch auf meinem Foto vom Januar 2022 wirkt der Vogel tatsächlich mehr wie ein Rabe als wie ein Adler.

Der Prenzlauer Mitteltorturm gilt es einer der am aufwendigsten gestalteten Tortürme in Brandenburg. Deshalb vermutlich diente er dem Architekten Otto Stahn auch als Vorbild für die beiden Türme auf der Berliner Oberbaumbrücke, die über die Spree hinweg Kreuzberg und Friedrichshain miteinander verbindet.

Kreuzberg-Oberbaumbrücke

Berliner Oberbaumbrücke im Januar 2022

Die Rabensage in Dresden und Goslar

Von "Der goldne Rabe auf der äußern Pirnaischen Gasse" in Dresden berichtet Johann Georg Theodor Grässe in "Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen". Zwar sollte der Rabe wohl in Wirklichkeit ein Hinweis auf den Namen des Hausbesitzers sein, aber das Volk munkelte, dass ein Unschuldiger für den Diebstahl eines Raben büßen musste und der Rabe zur Mahnung angebracht wurde. Auch aus Goslar ist der Diebstahl von Schmuck durch einen Raben überliefert worden. Hier soll Agnes, Gemahlin von Kaiser Heinrich III., die Bestohlene gewesen sein. Tatort war "Das Petersstift zu Goslar", wie auch die Sage im Zweiten Band des "Sagenbuches des Preußischen Staates" heißt.

Der Rabe als Wappentier

Warum Raben auf Türmen oder an Häusern zu sehen sind, muss nichts mit dem Wahrheitsgehalt von Sagen zu tun haben. In der Heraldik sind Tiere sehr verbreitet. Besonders beliebt waren ab dem Mittelalter die sogenannten Krafttiere wie Bären, Löwen, Schlangen, Eber, Adler, Schwäne und Raben. Der Rabe hat als Symbol verschiedene Bedeutungen. Er kann sowohl das Böse, als auch die Weisheit verkörpern. In der germanischen Mythologie sitzen die beiden Raben Hugin (das Denken) und Munin (das Gedächtnis) auf Odins Schultern. Die Kelten betrachteten Raben als Verkörperung des Krieges, aber auch als Attribut der Fruchtbarkeitsgöttinnen. In Deutschland erscheint der Rabe auf mittelalterlichen Wappen, Helmen und Schilden ab dem 12. Jahrhundert.

Quellen:

* Brandenburg die tausendjährige Stadt, Friedrich Grasow, Verlagsgesellschaft Schmidt Römhild Brandenburg 1992 (Neuauflage des Buches von 1927)
* Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen, Johann Georg Theodor Grässe, Verlag von G. Schönfeld's Buchhandlung, Dresden 1855 * Der Merseburger Rabe, Thüringer Sagenbuch. Zweiter Band, Ludwig Bechstein, auf Wikisource.org
* Prenzlauer Stadtlexikon und Geschichte in Daten. Arbeiten des Uckermärkischen Geschichtsvereins zu Prenzlau e. V., Band 7, Uckermärkischer Geschichtsverein zu Prenzlau e. V., 1. Auflage Prenzlau 2005
Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 2, Johann Georg Theodor Grässe, Glogau 1868/71
* Thilo von Trotha, Georg Müller, Allgemeine Deutsche Biographie 38 (1894), S. 34-37 , Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Online-Version
* Wappen im Mittelalter, Georg Scheibelreiter, WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2014

Bild Meine Buchtipps

Schaltfläche bücher.de
Schaltfläche Thalia
Symbol Buch

Schaltfläche Booking.com
Schaltfläche Verwöhnwochenende
Schaltfläche Check24
Schaltfläche Bahn