Silvesterbräuche in Brandenburg

Das Silvesterfeuerwerk, Raclette oder Fondue zum Abendessen und die Sendung "Diner for One" im Fernsehen, sind noch recht junge Silvestertraditionen. In den Brandenburger Landstrichen gab es früher eine Vielzahl von Bräuchen. Einige davon hab ich mir angeschaut.

Bereits die alten Germanen feierten den Jahreswechsel mit Feuerfesten und auch im Römischen Reich wurde das Ende eines Jahres gefeiert. Auf den 31. Dezember fiel das Fest seit 153 vor Christus. Vorher begann das neue Jahr für die Römer am 1. März. Die Bezeichnung Silvester geht auf den Pabst Silvester I. zurück, der am 31. Dezember 335 starb und seit 813 zu den katholischen Heiligen zählt. Der frühmittelalterlichen Legenda Aurea nach, soll Silvester den römischen Kaiser Konstantin vom Aussatz geheilt und dieser daraufhin den christlichen Glauben angenommen haben.

Im Christentum gab es bis zur Einführung des Gregorianischen Kalenders in katholischen und protestantischen Ländern unterschiedliche Daten für den Jahreswechsel. Das neue Jahr konnte am 1. Advent, am Andreastag, am ersten Weihnachtsfeiertag und sogar zu Ostern beginnen. Der 1. Januar als Neujahrstag wurde in katholischen Ländern erst 1691 als erster Tag des Jahres festgelegt. Protestantische Länder übernahmen den neuen Kalender erst ab 1699. In Brandenburg-Preußen wurde das Neujahrsfest zum ersten Mal am 1. Januar 1700 begangen.

Bedingt durch die uneinheitlichen Daten für den Jahresbeginn und regionale Eigenheiten wurde das Jahresende nicht überall in Brandenburg auf die gleiche Weise gefeiert. Dennoch finden sich Ähnlichkeiten, denn manche Bräuche wurden bereits von den Wenden übernommen, die bis ins 11. Jahrhundert zum Beispiel das Havelland und die Uckermark besiedelten. Silvester galt auch überregional als der Tag der Orakel. Wir kennen das heute noch vom Bleigießen. Zum Vertreiben böser Mächte und ungnädiger Geister gehörte Lärm durch Peitschen, Schüsse, Rasseln oder anderes zu den Bräuchen in der letzten Nacht des Jahres. Gutes Essen und geistige Getränke waren damals wie heute wichtige Bestandteile eines gelungenen Festes.

Gutes Essen und Trinken hält auch zu Silvester Leib und Seele zusammen

In der Uckermark war es zum Jahresende Brauch, Wofeln zu backen, also Waffeln aus Mehl, Milch, Fett, Eiern, Zucker, Hefe und Rosinen. Übernommen worden war diese Tradition von flandrischen Siedlern im 13. Jahrhundert, die bei ihrer Einwanderung Waffeleisen im Gepäck hatten. In Frankreich waren diese damals schon weit verbreitet. Die Wofeln wurden versehen mit guten Wünschen und freundlichen Sprüchen insbesondere am Neujahrstag an Freunde und Verwandte verschenkt. Auch Mohnstriezel und Silvesterpfannkuchen waren beliebt und sind es immer noch. Zu den gern gegessenen herzhaften Speisen gehörten der Silvesterkarpfen sowie Kartoffeln mit Sauerkraut und dicken Erbsen

Schmalzgebäck mit Zucker

Schmalzgebäck mit Zucker

Der Silvesterpfannkuchen der Uckermärker wird Pelz genannt. Er wird aus einem Hefeteig aus Mehl, Hefe, Margarine, Zucker, Milch, Eiern und einer Prise Salz gebacken. Im Unterschied zum Berliner Pfannkuchen ist der Pelz nicht gefüllt, sondern soll eher dem Schmalzgebäck Kameruner ähneln. Wie dieser wird er nach dem Ausbacken in heißem Fett in Zucker gewälzt.

In der Prignitz gehörten Karpfen, Berliner Pfannkuchen und Mohnstriezel ebenfalls zum Silvesterschmaus. Dazu gab es Punsch und Bowle. Auch Hering mit Rogen und Pellkartoffeln war am Silvesterabend beliebt. Der Fisch galt als Garant für keine Geldknappheit im neuen Jahr.

Getöse und Radau verscheucht die bösen Geister

Bevor Silvesterknaller und -raketen aus China Mode wurden, nutzten die Brandenburger verschiedenen Gerätschaften, um in der Silvesternacht ordentlich Rabatz zu machen. In der Uckermark waren es Brummtöpfe und Waldteufel.

  • Brummtöpfe sind Trommeln mit einem Fell, in welchem ein Stab steckt. Beim Reiben auf dem Fell entsteht ein brummendes Geräusch, dessen Tonhöhe von der Art des verwendeten Gefäßes abhängt. Wie du dir sicher vorstellen kannst, hören sich Töne aus einem Tontopf anders an, als aus einem Blech- oder Plastikeimer. Der Brummtopf wurde in der Uckermark meistens selbst gebastelt. Als volkstümliches Musikinstrument ist der Brummtopf bereits seit dem 15. Jahrhundert bekannt. Andernorts heißt er auch Rommelpott, Rummelpott oder Fukkepott.

  • Waldteufel wurden in der Uckermark Instrumente aus offenen Pappzylindern genannt, welche mit Pferdehaar an einen Griff gebunden wurden. Beim Hin- und Herschwingen fing sich die Luft in dem Zylinder und erzeugte ein dumpfes Geräusch. Waldteufel kann man heutzutage in Musikaliengeschäften kaufen. Sie haben heute oft einen Körper aus Holz, sind mit einem Fell aus Ziegenleder bespannt und durch eine Sehne mit einem Holzgriff verbunden. Es handelt sich um kleine Instrumente, die meistens nur zwischen fünf bis acht Zentimeter hoch sind.
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Gewehrsalven sollen Silvester böse Geister vertreiben

In der Niederlausitz wurde das neue Jahr mit Gewehrsalven begrüßt. Auch in der Prignitz wurde bis 1900 zu Silvester geschossen. In "Feste im Jahres- und Lebenslauf in der Prignitz" zitiert Wolfram Hennies aus einem Brief von 1865 aus Quitzöbel:

"In unserer Gegend werden zu Weihnachten und Neujahr die Obstbäume durch Flinten und Pistolenschüsse aufgeweckt, damit sie gute Ernte geben sollen."

In anderen Orten wurde in der Silvesternacht in Ziehbrunnen oder in die Luft geschossen, um kräftig Lärm zu machen und Geister zu verjagen.

Silvester- und Neujahrsbräuche von anno dunnemals

Uckermark

Verschiedene Bräuche und Verhaltensweisen in der Silvesternacht sollten Unheil und Krankheiten fernhalten oder Glück bringen. So hieß es in der Uckermark, dass angefangene Arbeiten unbedingt noch im alten Jahr zu Ende gebracht werden und Schulden beglichen werden sollten.

Eine außergewöhnliche Art zum Herausfinden des zukünftigen Familienstandes, war der Pantoffelwurf. Dazu setzte sich das neugierige Mädchen mit dem Rücken zu einer Tür und warf ihren Pantoffel hinter sich. Dabei murmelte sie einen Spruch. Beim Umdrehen kam nun die Überraschung. Lag der Pantoffel mit der Spitze zur Tür, war im neuen Jahr mit der Hochzeit zu rechnen.

Zwiebeln und Tontopf

Zwiebeln und Tontopf

Standen mehreren Freier zur Verfügung, sollte das Zwiebelorakel Aufschluss über den Zukünftigen geben. Hierfür wurde in jede Zimmerecke ein Topf gestellt, in den eine Zwiebel gelegt wurde. Jede Zwiebel stand für einen Freier. Die erste keimende Zwiebel gab Auskunft, wer der Bräutigam wird.

Auch im Hühnerstall konnten Mädchen erfahren, ob das neue Jahr einen Partner bringt. Dazu musste in der Silvesternacht an der Stalltür gelauscht werden. War ein Hahn zu hören, war die nähere Bekanntschaft mit einem Mann gewiss. Das Gackern einer Henne hingegen bedeutete ein weiteres Jahr Wartezeit.

Mädchen, die in der Silvesternacht zwischen 23 Uhr und Mitternacht Leinsamen unter ihr Kopfkissen streuten, konnten den Zukünftigen im Traum sehen, wenn sie den folgenden Spruch vor dem Zubettgehen aufsagten:

"Ich streue Lein, ich streue Lein und wünsche, dass mir mein Schatz erschein wie er ist und wie er das ganze Jahr gelebt hat."

Niederlausitz

In der Niederlausitz mussten in der Silvesternacht sämtliche Ritzen in Wänden, Türen und Fenstern verschlossen sein, damit böse Geister nicht hineingelangen konnten. Aus dem gleichen Grund wurden Räume ausgeräuchert.

Beim Essen hieß es aufpassen, denn Geflügel vor Mitternacht zu verspeisen, sollte Krankheiten und Not bringen. Eine Gans oder eine Ente durfte also erst am nächsten Tag gegessen werden.

Um Unglück aus dem Haus zu verbannen, wurde zu Silvester das Haus ausgekehrt.

Der Pantoffelwurf war auch in der Niederlausitz bekannt, jedoch anders als in der Uckermark. Hier musste das Mädchen ihren Pantoffel in Gesellschaft über den Rücken werfen. Derjenige, der durch den Schuh getroffen wurde, war der zukünftige Ehemann.

Immer Geld im neuen Jahr versprach eine Fischschuppe im Portemonnaie. Aber es ging noch einfacher: Der Geldbeutel unter dem Kopfkissen in der Silvesternacht sollte ebenfalls für viel Geld sorgen.

Der Name des Zukünftigen konnte durch eine Apfelschale herausgefunden werden. Dazu wurde am Silvesterabend ein Apfel möglichst fein geschält und die Schale über die linke Schulter geworfen. Der Buchstabe, der aus der Schale nun erkennbar ist, ist der Anfangsbuchstabe des Namens.

Prignitz

In vielen Familien in der Prignitz war zu Silvester das Bleigießen üblich und auch aus der Uckermark wird davon berichtet. Ursprung des Bleigießens soll ein Ritual der alten Römer sein. Fortuna, der Göttin des Glücks, wurden kleine Gegenstände aus Blei aus Opfergaben gebracht. Beim Bleigießen zu Silvester, das heute wieder Zuspruch findet, wird etwas Blei in einem Löffel geschmolzen und anschließend in kaltes Wasser geschüttet. Im Wasser erstarrt das Metall. Die Form, die es annimmt, gibt Auskunft über das Schicksal im neuen Jahr.

Wie in der Uckermark wurden auch in der Prignitz Pantoffeln geworfen, um zu sehen, ob eine Hochzeit ansteht. Allerdings wurde der Pantoffel hier über den Kopf geworfen.

Haehne und Henne

Henne und Hähne

Der Gang zum Hühnerstall am Silvesterabend konnten ebenfalls Auskunft über eine baldige Heirat geben. Krähte ein Hahn, war die Hochzeit sicher.

In der Ostprignitz sollte man sich hüten, zu Silvester etwas zu verborgen, denn die Entleiher könnten Hexen sein. Diese sollten nämlich am Silvesterabend vom Blocksberg auf ihren Besen geritten kommen und bis zum Dreikönigstag verweilen.

Vom Pelzbock und der Stutenfrau

In der Uckermark wurde aber nicht nur Lärm am Silvesterabend gemacht. Es gab nämlich früher auch einen Umzug, wie er in anderen Gegenden aus der Vorweihnachtszeit bekannt ist.

In den uckermärkischen Orten machten sich nach Einbruch der Dunkelheit die Stutenfrau, der Pelzbock, der Schimmelreiter, der Bärenführer sowie allerlei andere Gestalten auf den Weg und zogen von Haus zu Haus. Mit einem Tier hat der Pelzbock nichts zu tun, sondern es wird vermutet, dass sich das Wortteil -bock vom slawischen Wort bog ableitet, welches Gott bedeutet.

Die Teilnehmer am Umzug waren allesamt verkleidet. Die Stutenfrau trug einen Korb mit Stuten genanntem Hefegebäck. Als nächstes kam der als Pferd verkleidete Schimmelreiter, dem wiederum der Pelzbock und der Bärenführer folgten. Der Pelzbock trug die Maske eines Bären und einen Pelz aus Heu, das mit Seilen um den Körper gebunden war. Der Bärenführer hatte entweder ein rußiges Gesicht oder trug eine Maske.

Die illustre Gesellschaft trieb in den Häusern der Familien allerlei Schabernack, verteilte aber auch Honigkuchen und Pfeffernüsse. Zum Dank für den Besuch erhielt sie Geld, Schnaps, Kuchen oder anderes. Die Gaben wurden bei einer Feier im Anschluss an den Umzug und nach dem Verbrennen des Pelzbock-Kostüms gemeinsam vertilgt.

Der Umzug von Stutenfrau und Pelzbock geriet nach dem Zweiten Weltkrieg fast in Vergessenheit. Seit Ende der 1980er Jahre soll er aber in manchen Orten wieder stattfinden. Im Jahr 2013 berichtete der Nordkurier über den Umzug des Pelzbockes und seiner Begleiter im uckermärkische Kleptow. Auf Bildern zum Artikel kann man die Verkleidungen gut erkennen.


Quellen:

* Brauchtum & Aberglauben in der Niederlausitz, Sonja Franz und Inka Lumer, Regia Verlag Cottbus, 2005
* "Die Zwölften" Von alter Weihnacht bis Neujahr in den Dörfern der Uckermark, Werner Karsch, Schibri-Verlag, Uckerland 2010
* Feste im Jahres- und Lebenslauf in der Prignitz, Wolfram Hennies, Verlag für Regional- und Zeitgeschichte Die Mark Brandenburg, Berlin 2017
* Schaurige Gestalten ziehen durch Kleptow, Artikel von Lisa Walter im Nordkurier vom 31.12.2013, https://www.nordkurier.de/prenzlau/schaurige-gestalten-ziehen-durch-kleptow-314061812.html
* So ist's Brauch. Bräuche und Traditionen im Jahreslauf in der Uckermark und im Barnim, Dr. Lutz Libert, Verlagsbuchhandlung Ehm Welk, Schwedt 2019