Das Schloss ohne Treppe

Eine Sage aus Lichterfelde bei Eberswalde, Landkreis Barnim

Die Sage

Aus: Märkische Sagen und Märchen nebst einem Anhange von Gebräuchen und Aberglauben. Berlin: Reimer, 1843, e-book-Sammlung zeno.org
*Die ursprüngliche Schreibweise und Rechtschreibung wurden beibehalten.
In dem Dorfe Lichterfelde ist ein altes Schloß, welches der italienische Baumeister gebaut haben soll, der auch die Festung Spandau gebaut hat, wofür er zum Dank von dem Kurfürsten die Gegend erhielt, wo jetzt Lichterfelde liegt. Nachdem er nun den Bau seines Schlosses vollendet hatte, das aber ganz ohne Thüren und Treppen war, ließ er seine Tochter, die sehr schön war, dahin nachkommen, und zwar geleitete sie auf diesem Wege ein Herr von Sparr.

Es war damals die ganze Gegend noch ein dichter, fast undurchdringlicher Wald, und nur ein Stückchen Landes um das Schloß war erst ausgerodet; als nun das Fräulein mit ihrem Begleiter an diese Stelle kam, da rief sie freudig aus: »Lichtes Feld!« Da sagte der Vater, als ihm nun der Herr von Sparr die Vorgänge der Reise berichtete und auch diesen Ausruf erzählte: »Nun so will ich das Schloß Lichterfelde nennen!« und diesen Namen hat es denn auch erhalten.

Dem Herrn von Sparr hatte aber sein Schützling so gefallen, daß er den Alten bat, sie ihm zur Frau zu geben, aber der suchte allerhand Ausflüchte und sagte endlich, wenn er den Eingang zum Schlosse fände, so solle er sie haben. Damit mußte sich Sparr zufrieden geben und ging davon. Nun trug es sich einmal zu, daß der alte Italiener, der sonst immer seine Tochter ängstlich bewachte, nach Neustadt gefahren war, wo ein großes Fest gefeiert wurde, bei dem auch Sparr, der auf dem Schlosse zu Trampe wohnte, zugegen war. Kaum erblickte der den Alten, als er aufbrach und nach Lichterfelde fuhr.

Das Fräulein, die im obern Stockwerke des Schlosses wohnte und gerade am Fenster saß, erblickte ihn alsbald und ließ sogleich einen großen Korb herab, vermittelst dessen sie den Vater immer hinaufwinden mußte, und so hatte denn der Herr von Sparr die Bedingung, welche ihm der Alte gestellt hatte, erfüllt und heiratete bald danach das Fräulein. Als ihm aber das erste Kind geboren wurde, da ließ er auch eine Treppe im Schloß anlegen und es überhaupt mehr nach der Sitte anderer Häuser einrichten.

Die Bauherren des Schlosses

Schloss Lichterfelde im Barnim

Schloss Lichterfelde im Jahr 2013

Das Schloss in Lichterfelde im Barnim wurde zwischen 1565 und 1567 gebaut. Auftraggeber waren die Brüder Arendt und Christoff aus der brandenburgischen Adelsfamilie von Sparr. Laut Historischem Ortslexikon für Brandenburg waren Mitglieder der Familie von Sparr zwischen 1356 bis 1614 in Lichterfelde ansässig.

Einer der Sparrschen Nachkommen, der brandenburg-preußische Generalfeldmarschall Otto Christoph von Sparr, wurde vermutlich 1599 hier geboren. Allerdings gibt es zu seiner Geburt unterschiedliche Angaben, sodass sein Geburtsort auch Prenden im Jahr 1605 gewesen sein kann. Theodor Fontane geht sogar davon aus, dass Otto Christoph 1605 im Schloss Lichterfelde geboren wurde.

Der Architekt vom Schloss Lichterfelde

Im Historischen Ortslexikon für Brandenburg erscheint als Baumeister des Schlosses ein Francesco Chiramella de Ganchico. In anderen Quellen wird hingegen Francesco Chiaramella de Gandino genannt. Fontane wundert sich über eine Inschrift an der Schlossfront in lateinischer Sprache, nach der ein Joachim von Roncha aus Manilia den Schlossbau geleitet haben soll, dessen Existenz jedoch überhaupt nicht nachgewiesen werden konnte. Er vertraut daher lieber einer Interpretation des Historikers Theodor von Mörner:

"Mörner hat folgende Lesart vorgeschlagen: »per Fra. Chiaramellum (da Gandino) ex Italia de Venetia«, wobei er sich auf die Tatsache beruft, daß es einen Joachim von Roncha niemals gab, wohl aber einen Francesco Chiaramelo oder Chiaramelli (da Gandino), der von 1562 bis 1565 die Festung Spandau zu bauen begann."

Festung Peitz

Festung Peitz

Nach heutigem Wissen ist die Annahme Mörners richtig, wenngleich der lateinische Name nun als Francesco Chiaramella de Gandino übersetzt wird. Das genaue Geburtsdatum des Baumeisters ist nicht bekannt. Kunsthistoriker gehen davon aus, dass er vor 1520 im italienischen Gandino in der Nähe von Bergamo und Mailand geboren wurde. Da es in Italien keinen Ort namens Ganchico gibt, muss es sich bei der Schreibweise des Namens im Ortslexikon um einen Schreib- oder Übertragungsfehler handeln.

Chiaramella de Gandino war in deutschen Landen am Bau verschiedener Festungsanlagen beteiligt. Unter anderem entwarf er die Pläne für die Festung Peitz und die Bastion Küstrin (heute Kostrzyn nad Odrą, Polen) sowie für die Zitadelle in Spandau.

Kostrzyn-Bastion

Ehemalige Bastion Küstrin

Es soll bei verschiedenen Bauprojekten zu Unstimmigkeiten mit den Bauherren gekommen sein. Bevor Chiaramella de Gandino in Brandenburg tätig wurde, stand er in den Diensten von Kaiser Karl V. und wurde dort wohl in Ungnaden entlassen. Auch die Brandenburger Bauwerke stellte er nicht fertig. Die Ausführung übernahm stattdessen Rochus zu Lynar, ebenfalls ein Baumeister aus Italien.

Ob es beim Bau des Schlosses Lichterfelde ebenfalls zu Streitigkeiten kam, ist nicht überliefert. Eine Bosheit gegenüber dem Auftraggeber, ein Schloss ohne Innentreppen zu bauen, lag also vermutlich nicht vor. Stattdessen plante Chiaramella de Gandino großräumige Flure und Wohnräume mit gewölbten Decken, die durch Treppen nicht durchbrochen werden sollten. Der Treppenturm wurde nachträglich an das Gebäude angefügt.

Der Lichterfelder Dietrich Bester erzählt in dem Artikel "Schlossgeheimnisse unter der Erde" auf MOZ.de, dass das Schloss zunächst ohne Treppen gebaut wurde und der Aufgang zu den oberen Stockwerken nur über einen Aufzug möglich war, der manuell betrieben wurde.

Was stimmt an der Sage und was nicht?

In jeder Sage ist auch ein Körnchen Wahrheit und so ist es auch in "Das Schloss ohne Treppe".

  • Das Lichterfelder Schloss gibt es heute noch und es wurde im Inneren ohne Treppen gebaut.
  • Der Baumeister stammte aus Italien und war am Bau der Spandauer Festung beteiligt.
  • Da der Treppenturm erst nachträglich angebaut wurde, wurden Baumaterialien und Handwerker vermutlich mit einem per Hand betriebenen Aufzug in die oberen Etagen gebracht.

Einige Aussagen hingegen halten einer Überprüfung nicht stand und sind wahrscheinlich der Fantasie von Erzählenden entsprungen oder fehlerhaften Überlieferungen zu verdanken.

  • Der Baumeister wird in der Sage als alter Italiener bezeichnet. Wenn Chiaramella de Gandino vor 1520 geboren wurde und das Schloss ab 1565 gebaut wurde, war er noch kein wirklich alter Mann.
  • Beim Fräulein im Schloss kann es sich nicht um Chiaramella de Gandinos Tochter gehandelt haben, denn dieser hatte nach der Heirat mit seiner Frau Divina 1549 nur den Sohn Giancarlo. Von einer Tochter ist nirgends die Rede. Fontane mutmaßt zwar, dass "der alte Arendt Sparr, nach Art ähnlicher Sagenväter, den Zutritt zu seiner schönen Tochter durchaus unmöglich machen wollte". Doch hatte dieser überhaupt eine Tochter? In "Märkische Kriegs-Obersten des siebenzehnten Jahrhunderts" stellt Theodor von Mörner eine Ahnentafel der Lichterfelder Familie Sparr auf nach der für Arendt Sparr keine Kinder verzeichnet sind.
  • Der Ort trug den Namen Lichterfelde schon lange vor dem Bau des Schlosses. Im Historischen Ortslexikon wird bereits um 1277 ein Lichterfelte erwähnt.

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Quellen:

* Das Schloss ohne Treppe, MOZ.de, 30. März 2019
* Historisches Ortslexikon für Brandenburg, Teil VI, Barnim, Lieselott Enders, Berliner Wissenschafts-Verlag, Veröffentlichungen des Brandenburgischen Landeshauptarchivs, 1. Auflage 2020
* Märkische Kriegs-Obersten des siebenzehnten Jahrhunderts, Theodor von Mörner, Verlag von Wilhelm Hertz, Berlin 1861
* Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Zweiter Teil: Das Oderland, Von Sparren-Land und Sparren-Glocken, Theodor Fontane, 1879, Online-Version: Projekt Gutenberg